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Kulturlandschaften

Farbenfrohe und duftende Alpwiesen, weidende Simmentaler Kühe und Schwarznasenschafe, eng verwinkelte Dörfer mit traditionellen Holzbauten und vieles mehr bietet die Kulturlandschaft in der Welterbe-Region. Sie ist das Ergebnis wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Aktivitäten. Landschaftlich spielt der Gegensatz zwischen gepflegter Kulturlandschaft und der „wilden“ Naturlandschaft eine entscheidende Rolle für deren Attraktivität. Aber nicht nur touristisch ist die Kulturlandschaft von grosser Bedeutung, sondern auch für diverse Tier- und Pflanzenarten.

Seitdem die Menschen sesshaft wurden und feste Behausungen bauten, um den Boden langfristig zu bewirtschaften, gestalteten sie die Natur- zur Kulturlandschaft um. Kultur, bedeutet ursprünglich «pflegen, urbar machen» und weist auf die enge Beziehung der landwirtschaftlichen Nutzung und dem Gestalten der Landschaft hin. Noch heute sprechen die Bauern von ihren Kulturen und meinen damit die Anbauflächen der verschiedenen Nutzpflanzen. Jede Landnutzung geht zudem mit einer spezifischen Biodiversität einher: So konnte sich z.B. die Südalpine Tulpe dank der Landwirtschaft in extensiv genutzten Bergwiesen etablieren. Weitere Beispiele für Arten und Lebensräume im Welterbe, deren Vorkommen eng mit der menschlichen Nutzung zusammenhängt, sind der Leinkrautscheckenfalter und das Schweizer Meerträubchen an der Südrampe, die Bergahornweiden im Berner Oberland oder Trockenwiesen und -weiden. Und auch die Ausbreitung der inneralpinen Felsensteppe an der Lötschberg-Südrampe hängt mit der Beweidung zusammen.

Die Besiedlung und Bewirtschaftung der Alpen war in hohem Masse durch die natürlichen Voraussetzungen geprägt: steile Hänge, die schwierig zu bewirtschaften sind und extreme und kleinräumig differenzierte Klima- und Bodenverhältnisse. Aufgrund dessen hat sich in der Welterbe-Region über Jahrhunderte eine Vielfalt an Siedlungs- und Flurformen sowie bäuerlichen Traditionen und Bräuchen entwickelt. Im Wallis blieben die kleinflächigen Blockfluren der Mehrzweckwirtschaft – eine Kombination aus Ackerbau und Viehwirtschaft – bis heute bestehen und so prägen kleinparzellierte Flächen, eng verwinkelte Haufendörfer und dunkelbraune Holzhäuser das Landschaftsbild. Im Gegensatz dazu spezialisierten sich die Bergbauern im Berner Oberland früh auf die Viehwirtschaft. Grossflächige Blockfluren und Einzelhof-Streusiedlungen sind charakteristische Merkmale für die Kulturlandschaft auf der Berner Seite des Welterbes. Durch die naturräumlichen Voraussetzungen entwickelte sich im Welterbe ein spezifisches Landnutzungssystem, das bis heute die Landwirtschaft im gesamten Alpenraum stark prägt: die Stufenwirtschaft (Tal-Vorsass-Alpen).

Im Zuge des Strukturwandels in der Landwirtschaft ist die Kulturlandschaft grossen Veränderungen und Herausforderungen unterworfen: Gunstlagen werden zunehmend intensiver genutzt, während marginale Flächen oft extensiver bewirtschaftet oder gar aufgegeben werden und einwalden. Mit der Betriebsaufgabe geht auch immer ein Verlust an bäuerlicher Kultur, Tradition und jahrhundertealtem Wissen einher. Aus Sicht der Biodiversität sind die Folgen des Strukturwandels ebenfalls tendenziell eher negativ. Und nicht zuletzt verringert sich durch eine Verbuschung oder Verwaldung die touristische Attraktivität der offenen Kulturlandschaft zusehends.
Aber auch die gestiegene Mobilität in Arbeit und Freizeit, das Bevölkerungswachstum und die gestiegenen Platzbedürfnisse haben Auswirkung auf die Landschaft. So hat die Siedlungsfläche in der Welterbe-Region in den letzten 25 Jahren um mehr als einen Viertel zugenommen.

Die Qualität der Landschaften zu erhalten, ist grundlegend für die Attraktivität eines Ortes. Das Managementzentrum des UNESCO-Welterbes Swiss Alps Jungfrau-Aletsch hat sich dabei zum Ziel gesetzt, die attraktiven Kulturlandschaften zu pflegen (bspw. mithilfe von Freiwilligeneinsätzen zusammen mit Bergschaften oder der Lancierung von weiteren Förderprojekten), die wirtschaftliche Funktionsfähigkeit der Region sicherzustellen und eine nachhaltige Entwicklung in den Welterbe-Gemeinden zu fördern. Da Landschaftsveränderungen oft schleichend geschehen und sich so unserer Wahrnehmung entziehen, ist es für das Managementzentrum von besonderer Bedeutung, diese Veränderungen anhand eines Gebietmonitorings zu messen und sichtbar zu machen, um den Handlungsbedarf ableiten und diskutieren, sowie das Bewusstsein in der lokalen Bevölkerung fördern zu können.